INFO – Sicherheit für alle

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Wie würden wir leben?

Sicherheit für alle – oder nur für Erwerbsarbeitende?

Privileg Sicherheit?

Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es so viel Wohlstand wie heute. Aber jedeR 10. EinwohnerIn der Schweiz ist an der Armutsgrenze, weiss Ende Monat nicht, wie die Rechnungen bezahlt werden sollen, und kann sich oft nur das Nötigste kaufen. Die Sicherheit der Versorgung ist das Privileg einer Gruppe, die immer kleiner wird (Einkommensschere) …

Familientreffen …

Am 2. Juli ist der 80. Geburtstag von Fritz Work. Eine Gelegenheit für die grosse Familie, sich wieder mal zu sehen. Fritz ist trotz des fortgeschrittenen Alters «gsund u zwäg». Die Familie trifft sich nicht so häufig, die Geschwister haben sich in alle Richtungen verteilt und sind beschäftigt mit ihrem Leben und ihrer Arbeit.

Erich, der Jüngste, hat Ökonomie studiert und arbeitet bei einer grösseren Zeitung als Wirtschaftsredaktor. Er weiss, was man tun muss, um Geld zu verdienen, wenigstens theoretisch. Gerne erzählt er davon. Eliane geht das manchmal auf die Nerven. Sie hat eine Lehre im Büro gemacht, dann aber bald geheiratet und ist inzwischen Mutter von drei fast erwachsenen Kindern. Ihr Mann hat als Verkaufschef in einem Industrieunternehmen gutes Geld verdient. Es gab da schon mal Probleme zwischen den zwei, aber sie haben sich «arrangiert», auch wenn sie zu oft verschiedene Meinungen hatten. Eliane war so lange vom Arbeitsleben weg, dass sie sich nicht mehr traute, neu einzusteigen. Sie ist zwar nicht glücklich, aber kann sich wenigstens alles leisten, was sie haben möchte …

Fred ist der Sonnenschein der Familie: Was er in die Hand nimmt, das gelingt ihm auch. Alle mögen ihn, weil seine gute Laune buchstäblich ansteckend ist. Er hat zwar nie geheiratet, aber seine Freundin Jeannette ist schon fast 20 Jahre mit ihm zusammen. Sie betreiben eine gut gehende Boutique mit Luxussouvenirs in Interlaken.

Nur Annette ist nicht gekommen, sie ist die Künstlerin und Aussenseiterin der Familie. Als sie ihre Lehre als Floristin abgeschlossen hatte, versuchte sie, ein eigenes Blumengeschäft zu eröffnen. Von Fred bekam sie einen Kredit von 20’000 Franken für das Mobiliar. Aber ihr Geschmack war vielleicht ein wenig zu speziell, jedenfalls gab sie nach vier Monaten auf. Den Kredit konnte sie nicht zurückzahlen. Und obwohl Fred nie etwas sagte, war es ihr peinlich. Ihre Tochter Michèle, die drei Jahre später kam, war zwar ein Glück für sie, auch wenn sie alleine war … Finanziell wurde es allerdings noch enger, der Weg zum Sozialamt war vorprogrammiert. Einmal wurde sie gar bei einem Ladendiebstahl erwischt, das war ihr nicht recht.

Übrigens, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen hätte sie mit ihrer Tochter 3150 Franken auf sicher gehabt. Mit ein paar Stunden Arbeit wäre sie locker auf 4000 gekommen. Das ist zwar nicht luxuriös, aber anständig.

Hintergründe

Wohlstand ist die Arbeit von Generationen. Erst mit der Industrialisierung und Automatisierung ist die Versorgung auf so hohem Niveau garantiert, dass unsere Läden alles anbieten, was wir brauchen und wollen. Erfinder, Wissenschaftlerinnen, Ingenieure haben jede Möglichkeit gesucht, um die anstrengende physische und repetitive Arbeiten zu reduzieren.

Der Übergang von der Mangel- zur Überflussgesellschaft kam ganz unspektakulär. Es wurden immer weniger Arbeitskräfte gebraucht, und was aussieht wie eine Wirtschaftskrise, ist in Wahrheit eine Überflusskrise. Die mittlere und ältere Generation erinnert sich, wie in den 60er- und 70er-Jahren gearbeitet wurde. Alle, die arbeiten wollten, fanden eine Arbeit, ohne viele Bewerbungen. Meist genügte ein Telefon auf das Stelleninserat. Es war die letzte Phase des «Mangels»: Jede Arbeitskraft wurde benötigt, um die wirtschaftliche Leistung zu erbringen, die verlangt wurde. Arbeitslos war nur eine kleine Minderheit, die physisch oder geistig zu wenig leistungsfähig war.

Die Versorgungssicherheit ist ein existenzielles Bedürfnis des Menschen und folgt auf die lebenswichtigen Bedürfnisse wie Nahrung, Luft, Wasser, Wohnen, Wärme. Und weil unser Wohlstand die Arbeit von Generationen ist, haben auch alle ein Anrecht darauf, wenigstens auf existenziellem Niveau diese gemeinsam erarbeiteten Güter zu nutzen.

Sicherheit vorzuenthalten oder an Bedingungen wie Leistungsfähigkeit, Würde und Ehre zu knüpfen, ist in einer Gesellschaft der Fülle nicht mehr vorstellbar. Zu Zeiten des Mangels war dies noch eher verständlich. Sicherheit geben heisst Sicherheit bekommen. Menschen, denen das Existenzielle fehlt, suchen nach Wegen, das zu bekommen, was sie brauchen oder wollen. So können wir uns umgekehrt auch fragen, wie teuer die Sicherheit für die Gesellschaft wohl wird, wenn einer immer grösser werdenden Gruppe von Menschen existenzielle Sicherheit vorenthalten wird.

 

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